Einschätzungen der OETI-Expertin Helene Melnitzky: Wie gut ist Österreich, wie gut sind wir in der EU gerüstet?
Austria Recycling sprach dazu mit Dipl.-Ing. Helene Melnitzky vom OETI, Institut für Ökologie, Technik und Innovation GmbH. Melnitzky ist zuständig für Prüfung und Zertifizierung von Textilien, Textilproduktion, Chemikalien und Leder nach dem OEKO-TEX® und kennt die europäische und internationale Textilindustrie wie ihre Westentasche.
AREC: Als wir 2022, etwa 3 Jahre vor Inkrafttreten der AWG-Novelle Kreislaufwirtschaftspaket über den damaligen Status von Textilrecycling unterhielten, nannten Sie als eine der großen Herausforderungen, die Textilien in industriellem Maßstab für das Recycling aufzubereiten. Selbst scheinbar ‚einfach gestrickte‘ Kleidungsstücke wie Hemden galten als recyclingtechnisch anspruchsvoll. Für Europa konstatierten Sie einen Mangel an industriell aufgestellten Aufbereitungsunternehmen.
Was hat sich seither getan? Welche Entwicklungen halten Sie für relevant?
H.M.: Ja, so ein Hemd ist gar nicht so ‚einfach gestrickt‘, wie man meinen könnte. Der Hauptstoff ist vielleicht aus Leinen gewebt. Die Nähte könnten Polyester sein. Wir haben Knöpfe aus Kunststoff und Knopffäden. Außerdem Etiketten für Waschanleitungen und Informationen, die zumeist aus Polyester sind. Wenn wir – aus Recyclingsicht – Pech haben, ist der Hauptstoff ein Mischgewebe, zum Beispiel Baumwolle mit Elasthan. All diese Materialien muss man als Vorbereitung fürs Recycling sorgfältig voneinander trennen.

Für diesen Prozessschritt hat sich Einiges getan. Die Aufbereitungstechnologie hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Ein wichtiger Akteur ist Andritz in Österreich. Andritz ermöglicht mit seinen Maschinen hochwertiges Textil-zu-Textil-Recycling.
AREC: Ist Textil- zu Textilrecycling die Ausnahme oder state of the art?
H.M.: Textilrecycling ist derzeit überwiegend Downcycling. Vor allem, wenn wir den großen Massestrom der Bekleidung betrachten. Das heißt, man produziert aus den gesammelten Kleidungsstücken Produkte, die minderwertiger sind als das Ausgangsprodukt. Einige Bestandteile werden unter Umständen für die Herstellung von Putzfetzen verwendet. Oder zu Vlies verarbeitet, das in Matratzen, in Autos oder als Dämmstoff eingesetzt wird. Dass aus einem alten Kleidungsstück im Wege des industriellen Recyclings Stoff für ein neues Kleidungsstück wird, ist in der EU noch die Ausnahme.
AREC: Manche Modemarken werben mittlerweile damit, Recyclingfasern einzusetzen. Ist das die Form von Textil-zu-Textil-Recycling, die anstrebenswert ist?
H.M.: Würde man Sekundärfasern aus gebrauchten Kleidungsstücken verwenden, die man zum Beispiel in den Filialen sammelt, dann wäre es das. Doch die meisten Marken setzen Recycling-PET ein, also PET aus der Kunststoffsammlung. Das ist nicht damit gemeint. Wünschenswert wäre Textil- zu Textilrecycling.
AREC: Woran liegt es, dass überwiegend Textildowncycling betrieben werden muss?
H.M.: Einer der wesentlichen Gründe ist, dass es in der EU keinen Markt für recycelte Fasern gibt. Es fehlt die industrielle Nachfrage nach Sekundärfasern in Europa. Die Textilindustrie, insbesondere die Bekleidungsindustrie, ist eine globale Industrie. Produziert wird Großteils in Ländern Asiens. Konsumiert hingegen in Europa. In der EU ist die Textilindustrie rückläufig. Massenproduktion fehlt.
Was macht man also mit den Recyclingfasern, die man aus Altkleidern gewonnen hat? Die höchste Nachfrage nach recycelten Fasern kommt zurzeit aus China. Der Export von Sekundärfasern nach China ist allerdings nicht rentabel. Primärfasern aus zum Beispiel Indien sind billiger als in Europa hergestellte Sekundärfasern. Und die Frage nach der ökologischen Sinnhaftigkeit muss wohl auch beantwortet werden.
Eine Möglichkeit könnte sein, die Recyclingfasern in textilproduzierende Länder außerhalb der EU zu exportieren. Voraussetzung ist, dass sowohl Preise als auch Qualitäten wettbewerbsfähig sind. Vor allem aber wäre wichtig, die Nachfrage nach Recyclingfasern in der EU anzukurbeln.
Oder man verarbeitet die Sekundärfasern, die aus Bekleidung gewonnen wird, eben zu anderen Produkten. Das entspricht aber nicht ganz dem Ziel der AWG-Novelle Kreislaufwirtschaftspaket nach qualitativ hochwertigem Recycling.
AREC: Könnte chemisches Recycling aus diesem Dilemma herausführen?
H.M.: Chemisches Recycling hat Potenzial. Es gibt Ambitionen und einige Projekte in der EU. Aus recyceltem Material und frischem Zellstoff produziert man neuen Zellstoff, den man zu Lyocell- oder Viskosefasern verarbeitet.
AREC: Um mit Walter Stahel zu sprechen. Damit befinden wir uns in der ÄRA des D, des DePolymerize, des DeLaminate, des DeConstruct. Wir erhalten den Wert der kleinsten Teilchen, der Moleküle und Atome. Könnten wir damit zumindest mittelfristig alle Textilien recyceln?
H.M.: Setzen wir die rosa Brille auf und gehen davon aus, dass Geldmittel und industrielle Kapazitäten in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen und die Redistributionslogistik perfekt rollt. Könnten wir dann alle Textilien recyceln? Nein, leider ist die Antwort nein.
Vor allem aus dem gewerblichen Bereich sind wir mit Textilien konfrontiert, die schon sehr lange in Verwendung sind. Aber auch altgediente Regenbekleidung könnte uns diesbezüglich Sorgen bereiten. Wir müssen nämlich davon ausgehen, dass sie Chemikalien enthalten, die wir heute aus guten Gründen nicht mehr in Textilien haben wollen. Nicht in Regenmänteln. Auch nicht in Fußabstreifern. Zum Beispiel die vielgenannten Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, die sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS, die nur schwer abbaubar sind. Textilien, die solche Ewigkeitschemikalien enthalten, müssen aus dem Verkehr gezogen werden. Das Problem ist, der Regenmantel sagt uns nicht, ob er solche enthält. Man muss ihn ins Labor nehmen und dort analysieren. Mit jedem Stück muss man das tun.
Oder auch: Wir müssen wissen, ob in Berufskleidung im Zuge der Arbeitsprozesse Schadstoffe ins Textil eingetragen wurden. Bei alten Matratzen müssen wir hygienische Aspekte prüfen.
AREC: Welche Vorkehrungen können wir jetzt bei der Textilherstellung treffen, um zukünftigen Textilrecyclern die Arbeit zu erleichtern?
H.M.: Zwar bin ich zuversichtlich, dass die Aufbereitungstechnologie weiterhin rasche Fortschritte macht. Dennoch denke ich, dass Monomaterialien wohl auch in Zukunft einfacher zu recyceln sind als Mischgewebe. Hersteller können darauf achten, weniger Fasermischungen zu verwenden.
AREC: Wenden wir uns nochmals der Bekleidung aus dem privaten Konsumbereich zu, die aufgrund der großen Masse und hohen Fluktuation am dringendsten im Kreislauf zu führen ist. Wir sprachen jetzt viel über Recycling. In der Abfallhierarchie über dem Recycling steht Re-Use. Wie ist der Re-Use-Textilmarkt einzuschätzen?
H.M.: Re-Use ist jedenfalls vor Recycling zu stellen. Grundvoraussetzung für Re-Use ist, dass wir Textilien von guter Qualität nutzen. Viele Kleidungsstücke, die heutzutage bei uns auf den Markt kommen, taugen nicht für langes Tragen, also auch nicht für Re-Use. Und sie taugen auch nicht für Recycling. Obwohl Vintage- und Second-Hand-Boutiquen boomen und Flohmärkte, auch moderne wie Will-haben, sowieso immer Konjunktur haben, gibt es zu wenig Abnehmer für gebrauchte Textilien zur neuerlichen Nutzung. Ich fürchte, das hebelt momentan das Vernichtungsverbot für Produkte aus, die von den Konsumenten an die Online-Handelsplattformen retouniert werden.
Daher begrüße ich die Forderungen nach dem Eindämmen der sogenannten Ultra-Fast-Fashion. Frankreich ist diesbezüglich ausgesprochen ambitioniert. Weniger Ultra-Fast-Fashion bedeutet ganz sicher, weniger Textilabfall. Und wer weiß, vielleicht kann sich dann in den EU-Ländern wieder eine Textilindustrie etablieren. Das würde die Voraussetzungen für Textil-zu Textilrecycling in Europa verbessern.
AREC: Danke, für das Gespräch!
Foto: Foto von Kaeli Hearn auf Unsplash





